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Du bist nicht schuld – Ein Plädoyer für Mitgefühl und Selbstakzeptanz
Manchmal ist es ein schmalen Grat zwischen unterstützender Inspiration und mitfühlender Begleitung und dem (meist unbewussten) Vermitteln, man sei selber Schuld an einer Situation. Aussagen wie: „Hey, XY kann dich dabei unterstützen, deine Energie und deine Gesundheit zu fördern…“ oder „Wenn du unter XY leidest, könnte es mit YZ zusammenhängen…“ sind eine Sache. Doch etwas ganz anderes wird daraus, wenn es heißt: „Weil du deine Frequenz nicht hoch genug gehalten hast, ist XY passiert…“ oder „Du bist krank geworden, weil du nicht (gut genug) in deiner Kraft warst…“
Diese Art von „Wenn-dann“-Aussagen sind nicht nur zu verallgemeinernd und oft überheblich, sondern sie sind auch wenig integrativ. Sie lassen außer Acht, dass wir aus unzähligen inneren Anteilen bestehen: innere Kinder – sowohl geliebte als auch ungeliebte –, unbewusste Prägungen und Muster, emotionale Wunden und blinde Flecken. Je nachdem, aus welcher inneren Perspektive wir gerade die Welt betrachten, können wir solche Aussagen nicht immer reflektiert aufnehmen. Sie können uns tief verunsichern oder uns sogar in Selbstverurteilungen und Schuldgefühle stürzen.
Die Verlockung von Instant-Healing
In unserer schnelllebigen Zeit ist die Aussicht auf Sofortheilung verlockend: „Bleib einfach dauerhaft in einer hohen Frequenz, dann manifestierst du dein Traumleben – perfekte Gesundheit und Seelenpartner inklusive!“ Klingt gut, oder? Doch wer in uns springt darauf an? Ist es der erwachsene, reflektierte Teil – oder das innere Kind, das sich unperfekt und mangelhaft fühlt?
Wer ist „da“ für diese inneren Anteile, wer schenkt ihnen, die meist ganz junge, oft (emotional) verlassene Kinder sind, tiefe, innere Geborgenheit, wenn wir fortwährend auf der Suche sind nach den „High Vibes“, die uns endlich zu unserem Traumleben bringen – Hauptsache weg von hier? Aber wer bleibt „zurück“? Wird / ist da nicht die innere Schere genauso groß, wie es uns die äußere Schere spiegelt?
Die Gefahr des spirituellen Burnouts
Aus meinem eigenen Erleben weiß ich, wie krass solche Anforderungen an sich selbst einen unter Druck setzen und verunsichern können – bis hin zu „spirituellen Burnout“. Die Zweifel, die Selbstverurteilung: „Offensichtlich bin ich nicht gut genug in meiner Kraft, sonst würde dies und das nicht passieren…“
Das ging sogar soweit, dass sich ein Teil in mir selbst dafür verurteilt hat, dass mein Hund gebissen wurde, weil ich in so einer „schlechten“ Energie war – ich war krank und wollte nur eine kleine Runde drehen, als es passiert ist. Und es war tatsächlich ein Schock, der mich retraumatisiert hat und mir gleichzeitig in den darauffolgenden Monaten Heilung und Integration ermöglichte – kein Instant-Healing (trotz Soul Journeys;-)
Doch solche Rückschlüsse über unsere Selbstschuld (die andere Seite dieser Medaille ist die uns innewohnende Schöpfungskraft, die durchaus und sogar unvorstellbar vorhanden ist, aber eben mit viel mehr verbunden und verwoben ist, als wir uns vorstellen können und deshalb nicht so direkt „funktioniert“, wie wir uns das oft wünschen) sind oft Ausdruck des magischen Denkens des (inneren) Kindes, das um das 3. Lebensjahr herum seine Beziehung mit der Welt und seine Selbstwirksamkeit erlebt: die eigenen Gedanken und Handlungen bewirken, dass es Einfluss auf die Welt hat. So kommen dann in dieser kindlichen Phase Annahmen zustande, wie „Ich bin Schuld, dass Mami Kopfschmerzen hat, weil ich gedacht habe, dass sie doof ist.“
Im Erwachsenenalter jedoch erkennen wir, dass jede Situation aus vielen bewussten und unbewussten Faktoren entsteht. Das Leben ist komplex und kein einfacher „Wenn-dann“-Mechanismus. Der gereifte, immer wieder in sich gegründete Geist hat die unterschiedlichsten Erfahrungen und Learnings integriert. Er schöpft aus der Weisheit, die er im Licht UND in der Dunkelheit erlebt und erlernt hat und schöpft und interagiert mit aller kreativen und gleichermaßen achtsamen Kraft.
Der Wunsch nach Wenn-Dann-Methoden und Quick Fixing entstammt womöglich genau den Ängsten und Unsicherheiten dieses kleinen Kindes in uns.
Reife statt spirituelle Überheblichkeit
Als ich meinen schamanischen Weg begann, war ich begeistert und durch die tollen Erlebnisse auch etwas überheblich. Ich dachte: „Du musst doch nur XY tun, dann wird alles gut.“ Doch das Leben lehrte mich immer wieder Demut. Durch eigene Krisen – inklusive dunkler Nacht der Seele – habe ich gelernt, dass Heilung kein linearer Prozess ist. Jeder Mensch hat seinen eigenen Weg. Und manchmal braucht es etwas anderes als nur „hohe Frequenzen“, um weiterzukommen. Manchmal braucht es Annahme, Mitgefühl, Geduld.
Verantwortung ja – Schuld nein
Es ist ein schmaler Grat und natürlich liegt die Verantwortung sowohl beim Sender als auch beim Empfänger von spirituellen Botschaften und Transformations-Versprechen. Nur weil mir jemand einen „Zaubertrank“ verspricht, der mein Leben perfekt macht, heißt das nicht, dass ich daran glauben muss. Die Einladung ist, mit Klarheit und reifem Menschenverstand hinzuschauen.
Es ist ein schmaler Grat und so spreche ich natürlich auch selbst immer wieder von stabiler innerer Verbundenheit, Fülle, Resilienz, Balance… von Regeneration und der Kraft unserer Seele, der uns innewohnenden Intelligenz des Lebens, unserer Spirit Guides und dem Großen Ganzen.
Meine Inspiration für diesen Balanceakt wäre nur: sei liebevoll und mitfühlend und vor allem sei „da“ mit dir selbst und frage dich und deine inneren, zarten, harten, sich unvollständig fühlenden Anteile: Was brauche ich – was brauchen wir – wirklich? Und wenn du es gerade nicht weißt oder nicht verstehst, kannst du einen oder mehrere bewusste Atemzüge nehmen, dein Herz und / oder deinen Bauch und / oder deine Seele fragen und lauschen. Die Antwort kommt gewiss. Du musst nur „da“ sein um sie zu empfangen.